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Interviewpartner in unserer Leseprobe
Pastoralreferent Werner Gerum

Pastoralreferent Werner Gerum
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    „Ich verstehe Fundraising auch als pastorale Aufgabe“
Pastoralreferent Werner Gerum über Fundraising in der Pfarrgemeinde (Auszug)

Frage: Herr Gerum, wie sind Sie im Pfarrverband Pullach-Großhesselohe zum Fundraising gekommen, was war der Auslöser?

Gerum: Der Zustand des Pfarrzentrums in der Gemeinde Heilig Geist in Pullach war nach 40 Jahren so katastrophal, dass eine Komplettsanierung nicht mehr zu umgehen war. Die Heizanlage für Pfarrheim, Kirche, Kindergarten und Pfarrhaus wurde nicht mehr abgenommen, sämtliche Elektroleitungen hatten noch Stoffummantelungen, und allgemeine Sicherheitsstandards waren nicht einmal im Ansatz erfüllt. Es war klar: Wir müssen sanieren oder den Laden dicht machen.
Einen Teil hat die Erzdiözese bezahlt. Aber die Gemeinde musste aus eigener Anstrengung rund 650.000,00 Euro aufbringen. Da mussten wir uns etwas einfallen lassen.

Frage: Wie sind Sie vorgegangen?

Gerum: Als erstes haben wir eine Gruppe gegründet, die die Aufgabe hat, umsetzungsreife Fundraisingideen zu entwickeln. Wir haben dafür zunächst Leute angesprochen, die noch nicht in vielen ehrenamtlichen Funktionen eingebunden waren und noch unabhängig von einer Funktion denken, reden und handeln können; Leute, die Lust darauf haben, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Einen Monat später haben wir einen Förderverein gegründet, um Spender zu finden, die sich längerfristig an unser Projekt binden möchten und bereit sind, Mitgliedsbeiträge zahlen. Das war uns sehr wichtig, denn das sind natürlich fest kalkulierbare Einnahmen.

Frage: Wie ging es weiter?

Gerum: Zunächst mussten wir natürlich die eigene Kirchengemeinde informieren: Was ist unser Anliegen? Warum müssen wir das machen? Was bringt es der Gemeinde und den Menschen hier am Ort? Dafür gab es eine Auftaktveranstaltung in einem sehr noblen Hotelrestaurant. Dort haben wir zusammen mit den Architekten das Modell und das Konzept der Sanierung vorgestellt. Das hat übrigens den Inhaber dazu veranlasst, für diesen Abend Essen und Getränke zu sponsern.
Dann wollten wir das Anliegen über die Kirchengemeinde hinaus in die Gesamtgemeinde transportieren. Dazu haben wir einen Flyer entwickelt, um das Projekt professionell präsentieren zu können. Wir haben die Broschüre an alle Haushalte verschickt. Und als wir in den nächsten Wochen die Spendeneingänge angeschaut haben, konnten wir Mehreinnahmen in einer Größenordnung von etwa 15.000 Euro feststellen. Die Broschüre selbst hat wiederum ein Sponsor bezahlt. Parallel dazu kam noch eine Firmenpräsentation, also eine ordentliche Projektmappe, mit der wir uns auch an Gewerbebetriebe, Mittelständler und größere Konzerne wenden können …

Frage: Sagen die Leute bei so vielen Sammelaktionen nicht irgendwann: „Jetzt ist Schluss, wir haben genug gegeben?“

Gerum: Das gibt es natürlich auch. Ich kann nicht ständig die gleiche Klientel angehen. 2005, im ersten Jahr, gingen wir so flott ran, dass wir uns zu Beginn von 2006 gesagt haben, wir müssen die eigenen Leute erstmal außen vor lassen. Es gibt ja auch noch die Sammlungen von Caritas, Adveniat und den übrigen Hilfswerken. Oder zum Beispiel unser Partnerprojekt Haiti, wo wir seit Jahren ein Krankenhaus unterstützen. Wir haben von Anfang an gesagt, wir müssen für diese Projekte und Organisationen die gleichen Summen erwirtschaften wie sonst auch. Es darf nicht heißen: „Wir bekommen weniger, weil die sich jetzt ein schickes Gebäude leisten“. Das muss weiter laufen, und deshalb haben wir die Kirchengemeinde heuer fast gar nicht mit Fundraisingaktionen behelligt. Die Aktionen liefen eher außerhalb, in der politischen Gemeinde. Dann gehen wir ganz gezielt bestimmte Gruppen an, zum Beispiel ortsansässige Firmen. Wir haben eine zeitlang nichts anderes getan als zu überlegen, wer wo zu welchem Unternehmen Zugang hat: Wo immer es ging, haben wir persönliche Kontakte genützt, dem Betreffenden die Präsentationsmappen mit der Bitte um ein Gespräch in die Hand gedrückt. Und wenn dann nichts mehr kam, haben wir eben nach einiger Zeit wieder nachgefragt.

Frage: Ist außer Geld noch etwas beim Fundraising herausgesprungen?

Gerum: Ich möchte das anhand eines Beispiels veranschaulichen. Wir haben heuer auch unsere Kirchengemeinde kräftig ran genommen – aber nicht in finanzieller Hinsicht, sondern für Hand- und Spanndienste. Wir haben an so genannten Räum-Samstagen 40.000,- Euro durch Eigenarbeit eingespart. Das lief ganz einfach über einen Aufruf im Pfarranzeiger und Vermeldung in der Kirche. Da wird beschrieben, welche Aufgabe für den jeweils kommenden Samstag ansteht, was an Werkzeug und an Gerät mitzubringen ist. Wir beginnen um neun und arbeiten bis vier. An den Samstagen kamen jedes Mal 40 bis 50 Leute und haben angepackt. So haben wir das Gebäude komplett leer geräumt, Dinge zwischengelagert oder entsorgt, das war das erste. Das zweite: Wir haben die abgehängten Decken, alle Zwischenwände, die Böden rausgemacht. Wir haben die kompletten Heizkörper samt Leitungen abgeflext. Wir haben an diesen Räumsamstagen insgesamt etwa 130 bis 140 m³ Bauschutt herausgeschlagen. Es war wirklich derbste Bauarbeit, mit zum Teil schwerem Gerät. Teilweise standen 40, 50 Leute mit Mundschutz, wo man auf einen Meter nichts mehr gesehen hat, weil so viel Staub in der Luft hing.
Aber die Leute fanden es toll, weil sie sehen, es passiert etwas und ich werde gebraucht und ich bin wichtig; ich kann auch etwas tun. Da entsteht etwas zwischen den Leuten. Da arbeitet plötzlich der Professor Dr. Sowieso mit Herrn X., der Pfarrer meiselt und pickelt neben Frau Y, und alle schwitzen und dampfen und stinken. Und dann sitzt man total fix und fertig bei der Leberkäs-Semmel, die vom Metzger gestiftet ist. Wir hatten Samstage, an denen die Leute die Hand nicht mehr hochgebracht haben, um in ihre Semmel zu beißen, so fertig waren sie. Und jeder hat gesagt: “Mei, super!“ Es lernen sich Leute kennen, die vorher nie etwas miteinander zu tun hatten, die vielleicht sogar viele Jahre nebeneinander in der Kirchenbank gesessen sind, ohne sich zu kennen. Und da läuft dann plötzlich etwas an Kommunikation und an Miteinander ab, wo man sich sonst oft schwer tut.

Frage: Wo wünschen sie sich zukünftig mehr Unterstützung im Fundraising?

Gerum: Ich glaube, wir könnten immens Kosten und Zeit sparen, wenn die Erzdiözese entsprechendes Know How zur Verfügung stellen könnte. Und ich denke, das wird auch nötig sein. Im Vergleich mit vielen anderen deutschen Diözesen stehen wir finanziell ja noch relativ solide da. Aber mittel- und langfristig ist jedem klar, was auf die einzelnen Gemeinden und die Kirche insgesamt zukommt, wenn sie ihre Dienste halten will. Und ich denke, wir müssen sie halten, weil sonst eine Spirale nach unten entsteht. Wenn ich immer weniger Personal habe, entsprechend der Kontakt zu den Menschen immer geringer wird, dann fragen sich die Leute irgendwann: Warum zahle ich denn überhaupt noch Kirchensteuern, den Pfarrer sehe ich ja sowieso nicht mehr. Ich muss einfach um des Evangeliums und um der Menschen willen dagegen halten. Das ist ein absolut missionarischer Auftrag...


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